Global Food Summit 2017 in Berlin

Ernährung für eine sich verändernde Weltbevölkerung

Zwei Tage, 26 Redner, viele Interviews und Diskussionen später sind sich die Teilnehmer des Global Food Summit im Berliner Radisson Blu Hotel einig – eine rasante Urbanisierung, steigende Lebensstandards und fortschreitende Forschung werden die Ernährung der Menschen radikal verändern. Wir stehen am Beginn einer neuen Ära, und haben vielleicht gerade mal einen Blick durch das Fenster im ersten Stock der Zukunft werfen können: CRISPR, Xenotransplantation, Life Science, Gene-Drive sind die Themen, die die Branche der Lebensmittelwirtschaft beschäftigen werden. Vielleicht schneller als uns allen lieb ist. Die Kernfragen sind, wie wir mit diesem disruptiven Wandel umgehen und ihn gestalten wollen und wo Deutschland im weltweiten Vergleich derzeit steht.

 

„Viele Beispiele belegen, dass deutsche Wissenschaftler Pioniere im Bereich „Life Science“ sind. Im Gegensatz dazu wird die Einführung neuartiger Technologien in der deutschen Biotech-Industrie oft durch übermäßige regulative Hürden behindert“, so Dr. Michael Metzlaff, Vice President Science Relations der Bayer AG, in seinem Vortrag auf dem Global Food Summit. Zu diesen Beispielen gehören die Forschungsprojekte von Professor Angelika Schnieke von der Technischen Univeristät München. Mithilfe der revolutionären Gen-Schere CRISPR/Cas-9 forscht sie daran, wie die Organe von Schweinen mit minimalen Enzym-Modifikationen Menschen als Ersatz-Organe dienen könnten. Xenotransplantation nennt sich das Verfahren.

 

Einer der Mitendecker dieser Genschere, Dr. Samuel Sternberg aus den USA, gehörte zu den Rednern des Global Food Summit. Samuel Sternberg legte eindrucksvoll dar, wie einfach, günstig und präzise die Arbeit und Forschung an Genomen mit CRISPR/Cas-9 mittlerweile ist. „Es gibt sogar Do-It-Yourself-Pakete für Kinder zu kaufen“, so der Forscher, „wir können uns den rasanten Entwicklungen dieser Technologie nicht entziehen und müssen dringend eine öffentliche Debatte über die Chancen und Risiken von CRISPR/Cas-9 führen.“

 

Die Kluft zwischen der Forschung einerseits und der praktischen Anwendung und dem öffentlichen Diskurs andererseits war auch das zentrale Thema der Keynote Rede von Thorsten König, Leiter des European Institute of Innovation & Technology (EIT Food) aus Brüssel. Er rief die Lebensmittelindustrie zu mehr Transparenz und die Gesellschaft zu mehr Offenheit für Innovationen auf. Nur ein offener Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ermögliche neuen Forschungsergebnissen den Anschluss auf dem Markt und somit die Zukunftsfähigkeit der europäischen Lebensmittelwirtschaft. Ansonsten laufe Deutschland und Europa die Gefahr, bei den rasanten Entwicklungen den Anschluss zu verlieren und nur Zaungast zu sein.

 

Konsens bestand unter den Experten auch zur Schlüsselrolle der Politik. Wie sie Food-Start-Ups Steine in den Weg legen kann, zeigt sich am Beispiel der Bugfoundation. Die jungen Unternehmer aus Osnabrück haben ihren innovativen „Bux-Burger“, ein Burger aus Insekten, vorgestellt. Diesen vertreiben sie erfolgreich in Belgien und den Niederlanden. In Deutschland sind Insekten als Lebensmittel allerdings bislang verboten, obwohl sie in vielen Ländern der Welt ein beliebter Proteinlieferant sind.

 

Sowohl bei der nachhaltigen Lösung der Herausforderungen an die globale Lebensmittelwirtschaft als auch für die Anschlussfähigkeit von Forschung und Innovation auf dem Markt ist „strong political will“ unabdingbar.

 

Mit diesem Anliegen wurden die Teilnehmer des Global Food Summit im Herzen des politischen Berlins, in der Parlamentarischen Gesellschaft des Bundestages, von Dr. Maria Flachsbarth begrüßt. In ihrem Grußwort hob die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Bedeutung von Innovationen und nachhaltiger Landwirtschaft hervor, um eine wachsende Weltbevölkerung, rund 10 Milliarden bis 2050, langfristig ernähren zu können. Danach nahm sie sich Zeit, um sich mit den Teilnehmern des Global Food Summit zu unterhalten. 

 

Wichtig ist – und das war es auch fast allen Rednern auf dem Global Food Summit – dass in der Lebensmittelwirtschaft zukünftig vermehrt in holistischen Systemen gedacht wird, und nicht nur Prozessketten. Egal, ob in der Produktion, bei der Erforschung oder bei der Implementierung von Innovationen. Einzelne Unternehmen können die Herausforderungen der Zukunft nicht alleine bewältigen. Wer hier nicht vernetzt denkt, Wissen austauscht und teilt, wird verlieren. Als Unternehmen, als Forschungseinrichtung, aber auch den Kampf um die Ernährung von neun Milliarden Menschen.

 

All diese rasanten Entwicklungen und Innovation müssen wir in Politik und Gesellschaft offen diskutieren – denn sie sind, vielleicht wie nie zuvor, mit schwierigen ethischen Fragestellungen verknüpft. Deshalb gilt es aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen und kontrovers und konstruktiv zu diskutieren.